Biographisches

Herkunft

Heide Göttner-Abendroth ist Philosophin und Kultur- und Gesellschaftsforscherin, mit dem Schwerpunkt matriarchale Gesellschaftsform.

 

In der damaligen DDR aufgewachsen wurde ihr Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen schon früh geweckt. Wie doktrinär auch immer der theoretische Hintergrund gewesen sein mag, vernahm sie doch bereits als Kind im Geschichtsunterricht einiges über die Relation von Ökonomie und Kultur, von Sozialordnung und Politik und musste nicht die Jahreszahlen der Thronbesteigungen und Schlachten von Kaisern und Königen auswendig lernen. Nach der Flucht ihrer Eltern aus der DDR machte sie als Zwölfjährige Bekanntschaft mit dem Schulsystem der damaligen BRD und fand sich tief enttäuscht über das zusammenhanglose Stückwerk, das hier unterrichtet wurde.


 

Studium

Als junge Erwachsene gründete sie ihre eigene Familie und wurde dreifache Mutter und ist jetzt Großmutter. Gleichzeitig studierte sie offiziell Philosophie, Wissenschaftstheorie und Germanistik, inoffiziell ging sie jedoch ihren eigenen geistigen Weg, indem sie in den ihr nun offenstehenden Universitätsbibliotheken suchte, um ihren Wissensdurst nach gesellschaftlichen Zusammenhängen zu stillen. Allerdings wurde er dadurch nur größer, denn sie kam zu der Einsicht, dass sämtliche Philosophien und Kulturtheorien, die sie kennen lernte, mit ihr als Frau nichts zu tun hatten. Sondern diese spiegelten stets die Welt der Männer wieder, die als die Welt der ganzen Menschheit ausgegeben wurde. Die Folge davon war, dass Heide Göttner-Abendroth Philosophie und alles weitere mit kritischer Absicht studierte, denn sie wollte „hinter die Dinge“ blicken – was ihr anhand der unglaublichen Widersprüche im herrschenden Denken und Argumentieren zunehmend gelang. Die Erkenntnisse aus ihrer Kritik und ihren Nachforschungen machten sie bestürzt im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie stürzten das gesamte Geschichts- und Weltbild um, das ihr angelernt worden war.


 

Werdegang

1973 promovierte sie an der Universität München in Philosophie und Wissenschaftstheorie über die Logik der Interpretation (Fink-Verlag, München 1973). Danach lehrte sie zehn Jahre an derselben Universität Philosophie und publizierte weitere wissenschaftstheoretische Arbeiten, ohne dass sie als junge Philosophin Förderung fand. Als ihre Kolleginnen gegen die Unterdrückung von jungen Dozentinnen in den Universitäten aufbegehrten, schloss sie sich 1976 aus Protest gegen die institutionalisierte Wissenschaft und die Benachteiligung der Frau in der Universität dem wissenschaftspolitischen Teil der Neuen Frauenbewegung an. So wurde sie zu einer der Pionierinnen der Frauenforschung in Westdeutschland. In dieser Bewegung waren ihre Erkenntnisse zur matriarchalen Gesellschaftsform, die sie zu einer Geschichts- und Kulturtheorie ausformulierte, zum erstenmal öffentlich zu hören. Ihre ersten Publikationen verbreiteten sich rasch, so wurde sie als scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats und als Erforscherin von matriarchalen Gesellschaften bekannt.

 

Mittlerweile ist sie durch ihre lebenslange Arbeit zum Thema „Matriarchat“ zur Begründerin der Modernen Matriarchatsforschung geworden.


 

Matriarchatsforschung

Sie schrieb zahlreiche Artikel und erste Bücher zum Thema. Seit 1988 folgt in mehreren Bänden ihr Hauptwerk, die wissenschaftliche Reihe Das Matriarchat. Darin hat sie die heute gegenwärtigen matriarchalen Gesellschaften weltweit dargestellt und aus ihren sozialen Mustern reiche Erkenntnisse für ein humanes Zusammenleben gefunden. (siehe Bücher)

 

In ihren vielgelesenen Büchern zum Thema Matriarchat räumt sie mit den Vorurteilen gegen diese verkannte Gesellschaftsform auf. Sie zeigt zunächst, dass die Matriarchatsforschung die feministische Frauenforschung stützt und zugleich überschreitet. Denn Matriarchatsforschung bezieht sich nicht nur auf Frauen, sondern auf beide Geschlechter und ist deshalb schon immer „Genderforschung“ im besten Sinne gewesen. Zudem ist sie umfassender, weil sie sich ebenso auf die verschiedenen Generationen bezieht und auf das Verhältnis von Menschen und Natur, ebenso auf die Geschichte – kurz, sie ist eine weitreichende Gesellschafts- und Kulturtheorie. Keine patriarchal geprägte Gesellschaftstheorie leistet dies, da sie stets den Menschen mit dem Mann gleichsetzt und deshalb eine Reihe „blinder Flecken“ aufweist.


 

Matriarchale Prinzipien

In ihrer Matriarchatsforschung macht Heide Göttner-Abendroth stets sichtbar, dass jede Gesellschaft aus Zweien besteht, Männern und Frauen, außerdem bringt sie die eigenständige kulturschöpferische Handlungsweise von Frauen in der Menschheitsgeschichte ans Licht. Frauen schufen eine integrierende, menschen- und bedürfnisorientierte Gesellschaftsform, in der sie keineswegs „herrschten“, wie das gängige Vorurteil meint. Die von Frauen nach dem Prinzip der Mütterlichkeit geschaffenen Matriarchate stehen im scharfen Gegensatz zur ausgrenzenden und herrschaftsorientierten patriarchalen Gesellschaftsform mit ihrem hierarchischen Aufbau. Matriarchate folgen dem Prinzip der Balance zwischen den Geschlechtern, den Generationen und zwischen Menschen und Natur. Sie sind die einzigen wirklich egalitären Gesellschaften und besitzen äußerst intelligente Regeln zur Vermeidung von Gewalt und zur Sicherung des Friedens. Ihre politischen Formen beruhen auf Kommunikation und Konsens zwischen allen Mitgliedern. Ihr Weltbild und ihre Spiritualität sind getragen vom Respekt für alle Lebensformen auf der Erde. Aus diesen Erkenntnissen gewann Heide Göttner-Abendroth ihre konkrete Vision von einer herrschaftsfreien, friedfertigen Gesellschaft, die sie in allen politischen Zusammenhängen, in denen sie sprechen kann, vertritt.


 

Vortragstätigkeit

Jahrzehntelang lehrte Heide Göttner-Abendroth auf zahlreichen Vortragreisen im In- und Ausland, und zwar vor den unterschiedlichsten Kreisen wie Frauenzentren, Stätten für Erwachsenenbildung, kirchliche und freie Akademien, Universitäten und politische Parteien. Die am Thema interessierten Menschen, insbesondere Frauen, sind zahlreich, denn die Säle sind durch diese langen Jahre gut besetzt, wenn sie spricht. Allen diesen Menschen vermittelt sie nicht nur ihre Sachforschung, sondern bringt ihnen auch ihre Vision einer neuen Gesellschaft nahe, die im matriarchalen Sinne aufgebaut werden könnte. Ihre Entdeckungen und ihre interdisziplinären Forschungsergebnisse werden als Grundlage für Veröffentlichungen und Projekte in verschiedenen Ländern angewendet.


 

Eigene Akademie

Da ihr fortlaufende Lehrtätigkeit an den Universitäten versagt wurde, arbeitet sie als freie Wissenschaftlerin in einer ungesicherten und schwierigen Existenz. 1986 gründete sie die autonome, staatlich nicht geförderte „Internationale Akademie HAGIA“ für Matriarchatsforschung in Deutschland, die einzige ihrer Art, deren Leitung sie seitdem innehat und in der sie lehrt. Die Akademie HAGIA wird allein durch Privatinitiative, insbesondere durch die Unterstützung von Frauen, getragen.

 

Im Rahmen dieser Akademie führte sie seit 1987 zahlreiche Forschungs- und Studienreisen durch, zum Beispiel nach Irland, Malta, Kreta, Südengland, Schottland, Bretagne, Sardinien, die Pyrenäen, Syrien, Ägypten, Mexiko und Südchina. Außerdem gestaltete sie seit 1983 (seit 1997 zusammen mit Cécile Keller) auf der Grundlage ihrer Forschungen die neuen „Matriarchalen Mysterienfeste“, die ein wesentlicher Teil der Akademie HAGIA geworden sind. Die Teilnehmerinnen erhalten dabei nicht nur kulturhistorische Kenntnisse zur matriarchalen Mythologie und Spiritualität, sondern können im Feiern der Jahreszeiten und der Lebensstadien die Achtung und Liebe für alles Lebendige praktisch erfahren. Vielen Frauen haben diese Feste zu einer tiefen Identitätsfindung jenseits der unterdrückerischen Klischees von Weiblichkeit in der patriarchalen Gesellschaft verholfen. Insgesamt stellen die Feste einen künstlerisch gestalteten, symbolischen Vorgriff auf eine mögliche matriarchale Lebensweise in der Zukunft dar, diesmal nicht nur intellektuell, sondern auf ganzheitliche Weise. Es handelt sich um eine authentische Neuschöpfung eines Teiles matriarchaler Kultur in unserer Gegenwart.


 

Diskriminierung

Sie wurde an beiden Seiten ihres Werkes, der wissenschaftlichen wie der spirituellen, angegriffen und fand sich regelmäßig unter die falschen Kategorien subsumiert. Die Unsachlichkeit und Gehässigkeit dieser Angriffe haben sie ebenfalls bestürzt gemacht. Aus geistigen wie politischen Gründen gebraucht sie keinen ausweichenden Begriff für ihre Forschung, sondern nennt die Sache beim Namen, nämlich „Matriarchat“ im Sinne von „am Anfang die Mütter“ (griech.: „arché“ bedeutet auch „Anfang“). Dadurch musste sie unmittelbar erleben, mit wie viel Emotionen diese Forschung überladen wird und welchem unerschöpflichen Maß an Vorurteilen sie ausgesetzt ist. Die Angriffe kamen von allen Richtungen der herrschenden patriarchalen Institutionen und machten ihr bewusst, in welchem Grad ihre Erkenntnisse und ihre vielseitige Arbeit von den verschiedenen patriarchalen Denk- und Glaubensrichtungen, an denen beide Geschlechter teilhaben, als systemsprengend wahrgenommen werden. So wurde sie trotz Lehraufträgen (an den Universitäten Hamburg, Bremen, Kassel) und Gastprofessuren (an den Universitäten Montreal/Kanada, 1980, und Innsbruck/Österreich, 1992) wegen ihres Themas aus der Universität ausgeschlossen.

Nach jedem der drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung (siehe unten), mit denen sie dieses neue Wissensgebiet der allgemeinen Öffentlichkeit bekannt machen wollte, sah sie sich Diffamierungskampagnen vonseiten der Mainstream-Medien ausgesetzt.


 

Internationalität

Die Internationalität ihres Wirkens spiegelt sich in ihren Vorträgen bei internationalen Konferenzen: 1998 in Istanbul/Türkei: „Frauen und Erde“ (zur Bedeutung von Chatal Hüyük für die feministische Kulturforschung), 1998 in Madouri/Griechenland: Gründungskonferenz des „Institute of Archaeomythology“, 2004 in Las Vegas/USA: „Gift Economy Conference“, 2007 in Dallas/USA: „International Conference on Women and Peace“, 2007 in Istanbul/Türkei: „Goddess Conversations“, 2008 in Toronto/Kanada: „Conference on Motherhood Studies“, und anderen.

 

Im Jahr 2003 organisierte und leitete sie den Ersten Weltkongress für Matriarchatsforschung: GESELLSCHAFT IN BALANCE, der auf ihren weltweiten Kontakten zu Forscher/innen, die in der gleichen Richtung arbeiten, beruhte. Dieser Kongress wurde großzügig unterstützt von der Frauenministerin von Luxemburg. Er wurde zu Heide Göttner-Abendroths persönlichem Triumph und zu einem großen Erfolg für die Sache Matriarchat.

 

Als Folge davon wurde sie vom „Center for the Study of the Gift Economy“ (Direktorin Genevieve Vaughan) in Austin/Texas eingeladen, im Herbst 2005 den Zweiten Weltkongress für Matriarchatsforschung: SOCIETIES OF PEACE in den USA zu leiten. Bei diesem Kongress brachte sie zusätzlich indigene Frauen und Männer aus den gegenwärtigen matriarchalen Gesellschaften weltweit zusammen, die authentisch über ihre Gesellschaftsform forschen und berichten. Durch beide Weltkongresse wurde die moderne Matriarchatsforschung auf die internationale Ebene gebracht.

 

Im Jahr 2011 leitete sie einen dritten Weltkongress in der Schweiz zum Thema Matriarchatspolitik.


 

Ehrungen

Im Jahr 2006 wurde sie durch eine Steinsetzung im “Frauen Gedenk Labyrinth“ in Deutschland geehrt. Von der internationalen Initiative „1000 Frauen für den FriedensNobelpreis 2005“ wurde sie als eine unter tausend Frauen weltweit nominiert.