Du GAIA bist Ich (erdbewegung, california)
die erde zittert
wo ich gehe
in diesen zonen der reife
und wirft sanfte
merkliche wellen—
durch alle dinge
vibriert es in mir
wo immer auf den
driftenden schollen
ich gerade bin—
du bist das rätsel
unter meinen füßen
der abgrund in mir
wo ich bin bist du
überall—
denn DU
GAIA
bist ICH
Heide Göttner-Abendroth
in: Heide Göttner-Abendroth:
landschaften aus der gegenwelt gedichte 1976-1982
edition hagia 1982
ich bin der WALD (insel teneriffa)
der ruhe regnet
aus den zedern meiner glieder zwischen meernebeln, die
kondensieren tropfen in kühle
und darunter sternbüschel von kiefern wie finger halten wolken
aufgespießt, entwässern sie astwärts
das füllt kelchweise lilienstauden, wo ständig mein leben weht
langhaarig im luftwirbel
da schütten sie sich ins moos aus, das tränkt den boden und
öffnet die tiefen quellen der augen
und taut abwärts die hügel, an deren fuß die grabspur in meinem
herzen: viele kleine zisternen
die sammeln alles und verschwenden alles wieder ins karussell der
röhrenadern von ton
um wüste zu bewässern und nie gesehene früchte schwanken
zu lassen auf den halmen des verschmerzten
so leicht an selbstverschwendung zu sterben und wieder
aufzuleben verzweigt und verschränkt als ein wald
der nach und nach
Eure wüste
zudeckt
Heide Göttner-Abendroth
in: Heide Göttner-Abendroth:
landschaften aus der gegenwelt gedichte 1976-1982
edition hagia 1982
ANRUFUNGEN AN DIE GÖTTINNEN (Zyklus)
FRÜHLINGSFEST (Frühlings-Tagundnachtgleiche)
göttin der wildnis lass uns verwildern!
ARTEMIS DIANA
die du den wind um den turm zischen lässt
die krusten zu brechen die alten befestigungen und panzer
die du vom turm in die landschaft fährst
über seen und wiesen wälder und alpen
die du den wagen über die gipfel lenkst
die widerstrebende schwarz-weiße sphinx im zügel
die du vorbeisausend die wolken
vom himmel reißt und aus den tälern wirbelst
dass die berge deine spuren in rauchfahnen stehn
RHIANNON EPONA
unaufhaltsame reiterin im sturm
durchs land und durch alle mauern von königshallen und widerstand
göttin der wildnis
lass uns verwildern!
göttin des frühlings mach uns neu!
OSTARA BLATHNAT
die du den sturm in die erde treibst
damit die luft wurzeln und stängel und fleisch gewinnt
die du die inspiration an den boden bindest
damit ihr körper und raum und form erwächst
die du die kraft in den keimen bist
die sogar erde und steine und felsen sprengt
die du die bleichen schösslinge anhauchst
dass sie rosa und grün sich strecken
die du die stärke des zarten bist
die unaufhaltsame kraft der kinder
das unwiderstehliche neue
göttin des frühlings
mach uns neu!
göttin aller sterne gib uns klaren blick!
SELENE HELENA
die du der scharfe mond bist, der silberne
bogen der strahlpfeil die treffsicherheit
ARIADNE ARIANRHOD
die du der silberne kranz bist
die sternenkrone das diadem der ewigen nacht
die du das silberne schloss bist das sich um und um dreht
das kosmische rad der kreisende sternenhimmel
die du die milchstraße bist die galaxie
mit der wir spiralig im universum tanzen
die du das universum bist
der wirbel das ein- und ausatmen des alls
göttin aller sterne
die du alles bist
die du alles siehst
die du alles weißt
gib uns klaren blick!
Heide Göttner-Abendroth
in: Heide Göttner-Abendroth:
magier-frau gedichte 1977-1989
edition hagia 1992

